Ein Film wie eine Meditation
Kino-Tipp ![]()
"Die große Stille" stellt La Grande Chartreuse vor, das Mutterkloster des Karthäuserordens in den französischen Alpen. Was den Film so außergewöhnlich macht, ist die Nähe zu den Männern, die gleichzeitig intim und diskret ist. "Die große Stille" dauert beinahe drei Stunden, und es wird darin kaum gesprochen, so wie die Mönche sich auch nur einmal in der Woche unterhalten dürfen. Der Film lebt von den Geräuschen des Alltags, beim Holzhacken, beim Schneiden des Gemüses, beim Lesen, beim Beten. Die Dokumentation von Philip Gröning bildet das Leben im Kloster nicht nur ab, er macht erlebbar, was es heißt, von der Welt abgeschieden zu sein, um Gott nahe zu kommen. Dabei sind die Mönche vielleicht der Welt verloren gegangen, aber nicht dem Leben. Immer wieder zeigen Großaufnahmen die überwältigende Natur um das Kloster herum im Lauf der Jahreszeiten, und in diesen Rhythmus sind die Karthäuser eingebunden. Es berührt, wie die weiß gewandeten Gestalten in einer Schneelandschaft einen Abhang herunterkullern wie Kinder – so groß ist die Freude an dem schlichten gemeinsamen Leben in der Natur.
Dennoch erfahren wir nichts über die Menschen und ihre Motiv für ein mönchisches Leben. Darauf kommt es hier nicht an. Es geht um die Konsequenz, mit der dieser Entschluss das Leben bestimmt. Diese Konsequenz ist von außen schwer zu verstehen, und so bebildert der Film vor allem das Rätselhafte am Glauben. In dem einzigen kurzen Gespräch erfahren wir, dass die Mönche ihr Leben als Zeichen verstehen. Als Zeichen wofür? Wir erfahren es nicht. Einen Hinweis geben lediglich die Schrifttafeln mit biblischen Zitaten, wie: "Du hast mich verführt, Herr, und ich habe mich verführen lassen" (Jer. 20,7). Sie tauchen so leitmotivisch auf wie die Gesichter der Mönche, die immer wieder in Großaufnahme in die Kamera schauen, bis deutlich wird: nicht nur wir sehen diese asketischen, gegerbten Gesichter an – sondern sie auch uns, prüfend und fragend. "Die große Stille" ist keine leichte Kost und erfordert beim Betrachter viel Geduld und Neugier, aber die wird mehr als belohnt, wenn man ganz allmählich tief in den Sog dieser Lebensform gezogen wird, die so radikal auf Gott bezogen ist. Der Film setzt fort, was in den letzten Jahren z. B. mit "Höllentour" und "Die Geschichte vom weinenden Kamel" begonnen hat: Kino, das dem Leben abgeschaut und abgelauscht ist.
"Die große Stille", jetzt im Kino
