Robert Leicht zur Ostdenkschrift
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Drei Dinge, über die man nicht sprechen kann
Die Ostdenkschrift der EKD, die am 1. Oktober 1965 unter dem Titel „Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbar“ veröffentlicht worden war, war in der evangelischen Kirche der damaligen Zeit nicht unumstritten, berichtet Robert Leicht, bis November 2003 Mitglied im Rat der EKD. Der hannoversche Landesbischof Hanns Lilje berichtete von zahlreichen Protestschreiben, die ihn erreichten. Aber das gehöre „nun zu den geheimnisvollen Dingen der heutigen deutschen Mentalität. Dem normalen deutschen Mann kann man drei Sachen nicht sagen: Man kann mit ihm nicht über die Juden reden, man kann mit ihm nicht über den 20. Juli 1944 reden, und man kann mit ihm nicht über die Kapitulation von 45 reden. Das ist eine Schwäche, die auf die Dauer eines Volkes wie des unseren nicht würdig ist.“ Lilje interpretierte den Widerstand gegen die Erklärung als „Symptom einer noch nicht ganz wiedererlangten politischen geistigen Gesundheit.“
Entgegen aller Eindrücke, die die heutige Debatte um das Zentrum gegen Vertreibungen erwecke, habe die Ostdenkschrift die Lage der Vertriebenen sehr einfühlsam beschrieben. Sie habe eingehend von den materiellen Opfern und der trotz allem bleibenden sozialen Benachteiligung berichtet, von den Schwierigkeiten der Integration in die westdeutsche Gesellschaft, so Leicht. „In der heutigen Terminologie gesprochen: Die Denkschrift ging eindeutig von der Opferrolle der Vertriebenen aus. (Sie benannte indessen auch die Opfer der Westverschiebung Polens in der polnischen Bevölkerung.) Darüber hinaus aber unternahm sie den Versuch, diese Opfer eines Teiles der Deutschen in Beziehung zu setzen zur Schuld des ganzen deutschen Volkes am Eroberungs- und Vernichtungskrieg.“
Robert Leicht sieht in der Berührung des Tabus langfristig heilsame Wirkung: „Erstmals tastete eine der großen gesellschaftlichen Institutionen den inzwischen nur noch ritualisierten, nicht mehr realistischen Formalkonsens der deutschen Nachkriegspolitik an, dass die nach dem Potsdamer Abkommen unter polnische und sowjetische Verwaltung gestellten Gebiete jenseits von Oder und Neiße irgendwann doch wieder für Deutschland zurückgewonnen werden können.“ Ob aber schon alles von allen auf beiden Seiten geleistet worden sei, was die Denkschrift zuletzt anmahnt, bliebe zu bezweifeln.
Die Zeit, Ausgabe 39/2005
