In die "Internet-Kirche" gehen?
idea "Pro & Kontra"
09. Januar 2006
Im Internet gibt es immer mehr geistliche Angebote – bis hin zu Online-Gottesdiensten. Doch können sie den Besuch in der Gemeinde ersetzen? Ist Gemeinde künftig auch virtuell – im internationalen Computernetz – vorstellbar? Dafür spricht sich Bernhard Fischer-Appelt (Hamburg), Unternehmensberater und Mitglied der Perspektivkommission 2030 der EKD, aus, dagegen argumentiert Joachim Stängle (Wetzlar), Leiter der Christlichen InterNet-Arbeitsgemeinschaft (CINA).
Pro: Besser Qualität im Internet als ein kraftloser "Realgottesdienst"
Zum Gottesdienst muß man in die Kirche! Aber halt: War nicht die Fernsehübertragung der Einweihung der Frauenkirche mit Millionen Zuschauern ein voller Erfolg? War es nicht für viele Menschen die einzige Möglichkeit, daran teilzunehmen? Die mediale Übertragung von Gottesdiensten kann das persönliche Erlebnis und die anfaßbare Gemeinde kaum ersetzen, hat sich aber – besonders in den USA – zu einer großen Bewegung entwickelt. Die Telegottesdienste erreichen oft wahre Massen von Menschen und bewirken damit mehr, als es anders möglich ist. Die Realität eines persönlichen Gottesdienst-Erlebnisses kann dagegen enorm ernüchternd sein. Der Gottesdienst in der Kirche hat häufig ein Qualitätsproblem – was um so schwerer wiegt, wenn man bedenkt, daß er auch in Zukunft der Kern der Verkündigung bleiben muß. Wenn sich aber die Größe der anwesenden Gemeinde gegen Null bewegt, die Musik fehlt und die Worte nicht sitzen, dann verliert ein Gottesdienst seine Kraft. Was also spricht dagegen, Gottesdienste medial zu inszenieren und interessante Innovationen zu entwickeln? Das Internet bietet eine außerordentliche Chance, wieder intensiver mit den 90% der Kirchenmitglieder in Kontakt zu treten, die nicht regelmäßig einen Gottesdienst besuchen. Mehr als durch das Fernsehen kann man ihnen durch das Internet Formen bieten, Gott näher zu kommen, und sie damit wieder stärker an die Kirche binden. Zehn Jahre, nachdem das Internet den Kinderschuhen entwachsen ist, bietet es neue Möglichkeiten. Sie zu erkennen und zu nutzen, ist wichtig. Ein Gottesdienst im Internet kann da nicht unmöglich bleiben. Auch wenn eine Online-Taufe schwer möglich ist, wäre es doch denkbar, daß zum Beispiel Oma im Krankenhaus die Taufe ihres Enkels am Bildschirm mitverfolgt. Wenn die Kirche auch nur ein wenig mehr bei den neuen Medien mitspielen will, muß sie allerdings noch viel stärker zusammenrücken. Deshalb ist es Zeit für neue Online-Initiativen in der Kirche, die über ihre bestehenden guten Informationsportale noch deutlich hinausgehen – und vielleicht bald den ersten Chatroom für evangelische Gottesdienste eröffnen.
Kontra: Das Ziel von Internet-Aktivitäten muß die Vermittlung in die "reale Gemeinde" sein
Das Internet bietet ideale Möglichkeiten, um mit Menschen per Tastatur anonym ins "Gespräch" zu kommen. Und oft erleben wir bei Jesus-online.de, daß neben oberflächlichen Kontakten sehr persönliche Gespräche geführt werden und Menschen offen und ehrlich sagen, wo der Schuh drückt. Dabei muß aber unser Ziel immer sein, daß Menschen neben den virtuellen Gesprächen auch in realen Kontakt kommen. Durch Telefonate, persönliche Treffen oder die Vermittlung von Kontakten zu einer Gemeinde kann das geschehen. Das Ziel missionarischer Bemühungen im Internet muß grundsätzlich der Kontakt zu einer Gemeinde im realen Leben sein. Warum? Christsein und Gemeindeleben ist mehr als "Surfen und Chatten". Zu aktivem Gemeindeleben gehört, daß man sich begegnet, miteinander lebt und Gottesdienst feiert. Das alles ist im virtuellen Bereich nur sehr begrenzt möglich und findet meist nur in der gedanklichen Wahrnehmung statt. Auch fehlt es christlicher Gemeinde, die sich nur online trifft, an Verbindlichkeit nach dem Motto: Wenn Probleme auftauchen oder es mir nicht mehr paßt, schalte ich den Computer eben ab. Zum Gemeindealltag gehört auch, daß man miteinander streitet und teilweise aneinander leidet. Online-Christsein kann sehr bequem sein – aber nur "online" kann man nicht Christ sein. Christsein und persönlicher Glaube betreffen immer das ganze Leben. Daher kann eine Internet-Kirche niemals angemessener Ersatz für wirkliches christliches Gemeindeleben sein. Trends aus den USA, daß Menschen, die Hunderte von Kilometern entfernt wohnen, in dieselbe Gemeinde "gehen", sollten wir in Deutschland nicht übernehmen. Um als Kirche und Gemeinde mit Kirchendistanzierten in Kontakt zu kommen und um Menschen eine Zeitlang online zu begleiten, ist das Internet sehr gut geeignet. Aber das ist nur der erste Schritt, und dabei darf es nicht bleiben.
