Predigt zur Eröffnung von "Brot für die Welt" in der Ludwigskirche in Freiburg (Sacharja 9, 9)

Klaus Engelhardt

01. Dezember 1996

"Siehe, dein König kommt zu dir,
ein Gerechter und ein Helfer."

Liebe Gemeinde!

"Brot für die Welt" ist seit Jahren ein Gütezeichen unserer evangelischen Kirche. Millionen DM kommen zusammen. Damit kann vielen geholfen werden. Ich sage das nicht, damit wir uns darauf etwas einbilden, sondern damit wir uns auch dieses Jahr nicht davon abbringen lassen, ordentlich zu spenden. Es gibt nämlich Einwände, vernünftig erscheinende Argumente gegen "Brot für die Welt". Wer sich auf solche Argumente einläßt, straft Gott Lügen, der uns braucht, um der Welt gegen die selbstinszenierte Verelendung zu helfen.

   1. "Brot für die Welt - das ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein." So argumentieren die Sachkundigen, die mit den großen Weltproblemen vertraut sind. So argumentieren wir, wenn wir die Unheilsbilder aus Afrika in der Tagesschau sehen oder schlimme Nachrichten über unsägliche Armut und Hunger in Lateinamerika oder Osteuropa in der Zeitung lesen. Wo anfangen, wo aufhören? Wenn wir dieser so verführerischen Logik folgen, dann singen wir umsonst: "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit". Das Kommen Gottes in unsere Welt geschieht nicht durch den starken Mann, der alles mit einer einzigen, umwälzenden Aktion zurechtbringt und mit einem Befreiungsschlag die chaotischen Weltverhältnisse in Ordnung bringt. Wir feiern heute den Advent Jesu Christi. Er ist gekommen, hat da und dort Kranke geheilt, Hungrigen zu essen gegeben trotz der ernüchternden Feststellung, daß es weiterhin unendliche Not gab, die nicht gelindert werden konnte. Davor hat er nicht kapituliert. Er hat den einzelnen Menschen, dem er helfen konnte, nicht aufgerechnet gegen die große Zahl derer, deren Not geblieben ist. So lernen wir von Jesus Christus, daß jede einzelne Tat der Hilfe das Aufscheinen einer neuen, von Liebe durchwärmten Welt in der unerlösten alten Welt ist.
     
   2. "Brot für die Welt - damit saniert ihr Christen im Wohlstandsmilieu einmal im Jahr euer schlechtes Gewissen." So argumentieren kirchenkritische Moralisten. Wer weiß schon, was dabei herauskäme, wenn es einen Röntgenapparat für unsere Gedanken und geheimsten Motive gäbe?
      Hören wir auf die Stimme des Propheten: "Siehe, dein König kommt zu dir .. Er reitet auf einem Esel". Dieser König zieht nicht mit königlicher Pracht ein. Er ist der Antityp zu Potentaten, denen es nur um Glanz und Gloria, um die eigene Selbstdurchsetzung geht. Der Esel war damals das Transportmittel der kleinen Leute. Man stelle sich vor: Ein hoher ausländischer Staatsgast besucht eines der neuen Bundesländer hier in Deutschland. An der Straße winken die Menschen. Er fährt nicht in einer flotten Diplomatenlimousine daher, sondern in einem Trabi. Die Leute spüren: Das ist einer von uns. Er verzichtet auf protokollarische Pracht. Er will nicht sich selbst ins rechte Licht rücken. Er traut uns in unserer kleinen Welt mit dem kleinen Wirkungsradius zu, zu ihm zu gehören, uns mit ihm einzumischen und mitzumischen, für bessere Verhältnisse zu sorgen ohne die geheime Absicht, damit doch nur uns selbst ins rechte Licht zu setzen und uns unser Gewissen zu sanieren. Wie gut, daß dies die Adventsbotschaft für uns heute morgen ist.
     
   3. "Brot für die Welt - das können wir uns dieses Jahr angesichts der heißdiskutierten und politisch umstrittenen Sparmaßnahmen eigentlich nicht mehr leisten. Das Hemd sitzt uns näher als der Rock." So argumentieren Kritiker in ihrer Sorge um den Sozialstaat. So argumentieren wir, weil wir spüren, wie der uns selbstverständlich gewordene Lebensstandard an einigen Stellen eingeschränkt werden soll. Jetzt müssen wir doch zuerst einmal für uns selber sorgen! Die Dritte Welt und ihr Elend rücken weit, weit weg. Das bekommen die großen caritativen Werke der Kirchen und Wohlfahrtseinrichtungen zu spüren. Spenden gehen zurück. Eine bedenkliche Entwicklung.
     
      Hören wir noch einmal auf den Propheten: "Siehe, dein König kommt zu dir, ein gerechter und ein Helfer, arm ..." Was für ein Helfer! Sein rettendes Handeln geschieht nicht erst dann, wenn er gönnerhaft aus dem Füllhorn seines reichen Überflusses einiges ausschütten kann. Daß der Heiland, dessen Advent wir heute feiern und zu dessen Begrüßung wir singen: "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit", arm daherkommt, bedeutet für den Propheten und seine Hörer damals und heute die große Überraschung. Daran machen sich Hoffnungen fest, die im Blick auf die vielen Helfer und Hilfsaktionen der Welt fast schon erstorben sind. Der vom Propheten angekündigte Helfer kennt am eigenen Leib die Überlebensangst von Menschen an der unteren Existenzgrenze. Er ist einer von ihnen. Aber - o Wunder! - das treibt ihn nicht erst recht in Sorge ums eigene Leben. Das rührt ihn im Innersten an, einen Blick und ein tiefes Empfinden für die vielen Armen zu haben, die Opfer der Ungerechtigkeit, der ungleichen Verteilung von reich und arm in der Welt geworden sind. Von ihm her, von Jesus Christus her ist es daher unsere Chance gerade dieses Jahr, da wir alle in Staat und Kirche und im persönlichen Leben den Gürtel enger zu schnallen haben, ganz neu ein Gespür und eine Hilfsentschlossenheit für diejenigen zu gewinnen, die in den Ländern der Dritten Welt unterhalb der Armutsgrenze existieren, die hungern und ums Überleben kämpfen. Wir dürfen den Blick über die eigenen Verhältnisse hinaus doch nicht nur so gewinnen, daß wir an Weihnachten in weite Ferne reisen, in tollen Hotels Urlaub machen, am Strand uns sonnen - abgeschirmt von den Slums, die manchmal ganz nahe sind. Das schlimmste, was Gott uns antun kann, wäre, daß er uns einfach weitermachen läßt in dem Bestreben, nur unseren Vorteil zu suchen, daß er uns weitermachen läßt in der Angst, zu kurz zu kommen. Aber Gott sei Dank! Das tut uns Gott nicht an. Darum Advent: "Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer."

Und darum laßt uns ihn begrüßen, uns in sein Licht stellen, damit wir von seiner Güte angesteckt werden. Laßt uns gegen alle noch so vernünftig klingenden Argumente dazu beitragen, daß "Brot für die Welt" in diesem Jahr erst recht Gottes Gütezeichen wird - für uns alle und für diejenigen, die auf unsere Hilfe bitternotwendig angewiesen sind!
     
Amen.



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